Nizza – Marseille – Nizza mit Besuchen bei Servas FreundInnen als Tagesgastgeberinnen Juni 2016

Gleich vorab möchte ich den französischen Servas FreundInnen gratulieren:
Alle Kontaktierten haben geantwortet und gut die Hälfte hatte Zeit für uns!
Das ist ausgesprochen vorbildhaft!

Zwei Wochen vor unserer Abreise nach Südfrankreich am 11. Juni 2016 bemerken wir mit Entsetzen, dass wir für unsere Reise nach Südfrankreich den denkbar ungünstigsten Zeitpunkt gewählt haben:
Beginn der Fußball Europameisterschaft und angesagte Streiks im öffentlichen Verkehr!

Elisabeth und ich, Freundinnen seit der Kindheit und Reisegefährtinnen per Autostopp in der Jugend, wagen es trotzdem. Wir werden für unsere Unerschrockenheit mit wunderbaren Servasbegegnungen und harmlosen Behinderungen bestraft. Drei Wochen vor unserem Abflug beginne ich ServasfreundInnen in Nizza, Marseille und Umgebung anzuschreiben. Wir haben für Marseille eine Ferienwohnung gebucht und suchen Menschen, die gerne mit uns ein paar Stunden verbringen, uns Besonderheiten von Land und Leuten zeigen und/oder uns Tipps für unseren Aufenthalt geben wollen. Sehr bald erhalte ich freundliche Antworten, positive und solche, in denen bedauert wird unserer Bitte nicht nachkommen zu können. Von den 10 Servassen, die ich in Marseille, Nizza und Umgebung anschreibe, lernen wir tatsächlich die Hälfte kennen.

Gleich am zweiten Tag unseres Aufenthalts in Marseille – wir haben uns gerade mal begonnen uns zu orientieren und zu lernen, den Massen an Bussballfans aus dem Weg zu gehen, – sind wir bei Danielle zum Diner eingeladen. Am Rande der Stadt, mit dem städtischen Bus erreichbar, in einem schön renoviertern Häuschen mit Garten und Hühnerstall, begegnen wir in der Gartenlaube nicht nur der Hausfrau, sondern gleich zwei anderen Servas Frauen. Im Nu sind wir in Gespräche vertieft, alle froh darüber, dem Fußballwahn entkommen zu sein und erfreuen uns bald der Erkenntnis, dass wir sehr ähnlich sind, lachen, singen und tauschen Erfahrungen über Reisen, Familien, Schicksale und Servasaktivitäten sowie gemeinsame Servas FreundInnen aus.

Für den nächsten Tag machen wir gleich eine Wanderung in die Marseille nächstgelegene Calanque (Bucht) aus. Danielle holt uns von einem Treffpunkt per Auto ab, unsere Wanderschuhe haben wir an, es geht los: Küstenwanderung auf steilen, felsigen Wegen, durch Macchigebüsch, blühende Rosmariensträucher, – herrliche Ausblicke säumen unseren Weg. Ziel ist ein Strand in einer tiefen Bucht. Das Wasser ist uns zu kalt zum Baden, der Wind zu stark, dafür ist das Meer umso schöner und unsere Freude am Gehen und Reden umso größer.

Gleich für den nächsten Tag gibt es die Einladung nach La Ciotat zu kommen, eine kleine Hafenstadt 30 km östlich von Marseille. Wir nehmen früh morgens nach einer Wanderung zu Fuß durch die Stadt (Streik der innerstädtischen Busfahrer) den außerstädtischen, nicht bestreikten Bus und sind nach einer halben Stunde am Treffpunkt mit Chantal, unserer nächsten Servasgastgeberin. Sie zeigt uns ihr Städtchen und den wunderschönen Par c du Mugel mit puddingartigen Felsformationen aus Steinkonglomaraten, mit schönen Buchten und noch schöneren tropischen Bepflanzungen. Chantal erzählt uns über die „Mugel“, Anhäufungen von Flusssteinen, die sich im Laufe der Jahrtausende zu bizarren Hügeln entwickelt haben. Dann fahren wir in ihr Dörfchen zum Mittagessen in ihrem farbenfrohen, mediterranen Haus; wieder erzählen wir uns unsere Geschichten, reden über unsere Familien, Hobbys, Reisen. Ein angenehmer, entspannter Besuch. Mit Chantal gibt es gleich ein Monat später ein freudiges Wiedersehen im Mont Blancgebiet bei der Route de l‘amitié.

Am Mittwoch besuchen wir das berühmte MUCEM und für abends ist bereits mit Maryse, die wir am Montag vorher bei Danielle kennen gelernt haben, ausgemacht mit ihr in die Chorprobe zu gehen. Allein die Aussicht auf Chorsingen brachte uns in Hochstimmung. Leider ist die Chorleiterin erkrankt, daher besuchen wir Maryse in ihrer eindsruckvoll großen, eleganten Wohnung, die sie erst vor kurzem als Pariserin erworben hat. Apero steht an, wir tauschen unsere Chorerfahrungen aus, geben Kostproben unseres österreichischen Liederschatzes Jodler inbegriffen, erfahren einiges aus Marysens bewegtem Leben, reden über Wohnungstausch und Besuche in Wien. Dann machen uns auf den Weg durch die wegen eines Matches in Marseille für Autofahrten gesperrten Innenstadt. Etwas mulmig ist uns, weil wir schon den ganzen Tag über die Fans brüllen gehört haben. Aber nun sind sie im Stadion und die Metro bringt uns sicher und ohne Gedränge in die Nähe unseres ruhigen Wohnviertels mit Blick auf Meer und Insel.

Den Donnerstag verbringen wir ohne Servasbesuch, Elisabeth unternimmt eine Rundreise zu einigen bedeutenden Orten der oberen Provence, während ich den Tag mit weitem Spaziergang, Lektüre und Schreiben bei bedecktem Himmel am Felsenufer genieße.
Am Freitag fahren wir per Navette, vorbei am berühmten Chateau‘If, auf die Marseille nächstgelegenen Inseln zum Archipel du Frioul; ein herrlicher Badetag, leider gibt es Quallen im immer noch ziemlich kalten Wasser. Auf einer kleinen Wanderung über die Inseln sehe ich (Elisabeth erholt sich im Hafen) die Ruinen des Zweiten Weltkrieges, die offensichtlich als Mahnmal stehen gelassen wurden. Sie ragen bizarr in die wunderschöne Landschaft hinein. Für abends haben wir von Noelle den Tipp für ein Picknick-Konzert mit klassischer Musik im Parc Bagatelle bekommen. Zweimal treffen wir Noelle an diesem Tag zufällig! Einmal, als sie uns gerade ein SMS mit den genauen Angaben des Konzerts schreibt. So fühlen wir uns in Marseille schon ein bisschen zu Hause. „Wasser- und Feuerwerksmusik“ von Händel, ein Oboenstück von Lully vor der Kulisse des Parks auf der Wiese, im Hintergrund das hell beleuchtete Amtshaus im feinsten Jugendstil, Halbmond, ungewöhnliche Kühle und dazu unsere leisen, munteren Gespräche mit den Servasfreundinnen bei einem Gläschen Porto.

Wir sind begeistert! Danach wird es schwierig. Die Busse fahren in Marseille nur bis acht Uhr abends!
Dem Taxler können wir den ziemlich weiten Weg nach Hause bereits ansagen; denn wegen der Streiks und Behinderungen durch das Fußballevent kennen wir die Stadt inzwischen ganz gut!

Für Nizza, wo wir uns zwei Tage aufhalten wollen, haben wir zwar kein Servasquartier, dafür ein freundliche Einladung bekommen: Fred und JP, aktive Lehrer, laden uns in die Route de Bellet, etwas außerhalb und oberhalb vom Zentrum gelegen, zum Abendessen ein. Sie holen uns von unserem Quartier ab. Es wird ein wunderschöner Abend mit jeu de pétanque (Bocciaspiel) zum Apero auf dem Spielplatz ihrer Residence, einer gepflegten Wohnsiedlung, die sie uns stolz samt Blick aufs ca 10 Kilometer entfernte Meer zeigen. Es gibt typisch provencalisches Essen, pissaladière als Vorspeise, Daube als Hauptspeise. Fred ist begeisterte Köchin, JP, ihr Lebensgefährte, und nun auch wir sind begeisterte GenießerInnen. Wir plaudern über unsere Herkünfte, Lebenswege und unterhalten uns wieder einmal über Kindererziehung, Schule, Gott und die Welt. Wieder einmal bedanken wir uns singend mit dem Andachtjodler. Unsere Gastgeber beteuern, nun Lust auf Österreich bekommen zu haben und uns besuchen zu wollen und bringen uns dann wieder per Auto den Berg nach Nizza hinunter ins Hotel. Eine Servas Begegnung vom Feinsten!

Wir fliegen am nächsten Tag nach Wien ab.
Die Mühe des Anschreibens und Anfragens hat sich gelohnt. Die vorerst wildfremden Menschen sind zu FreundInnen geworden. Ohne sie hätten wir Marseille und Umgebung niemals in der kurzen Zeit so gut kennen lernen können. Vielen Dank hier nochmals an sie alle.

Ceterum censeo:
Es lebe Servas! Vive Servas!

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