Berlin in vier Wochen mit neun Gastgebern

von Renée Chinquapin

Ich verbrachte einen tollen Monat in Berlin, wo ich von neun Servas Gastgebern herzlich empfangen und beherbergt wurde. Ich hatte immer ein eigenes Zimmer, oft ein ausgeliehenes Fahrrad. Ich durfte für meine Spezialdiät immer selbst kochen sowie auch meine tägliche Yogaübungen machen. Alle Gastgeber haben gerne erzählt und mehrere interessierten sich für meine Berichte zu den aktuellen Ereignissen in Österreich und meiner Heimat, den USA.

Kulturell sind mir vier Unterschiede zu Österreich aufgefallen:

Erstens, man redet Klartext in Berlin mehr als bei uns. Dies kann verletzend, aber auch befreiend sein, da man sich die Dinge freier von der Leber reden kann als hier in Wien. Auch redet man schneller und öfter über Kosten, Einkommen und Geld überhaupt.

Zweitens: Essen überhaupt ist zweitrangig; man redet kaum über dieses Thema und fast alle kaufen bei Diskontern ein; die Deutschen scheinen einfach weniger Wert auf Essgenuß zu legen als hier.

Drittens: In Berlin zumindest, war ich ständig konfrontiert mit der NS-Judenermordung. Überall sind Stolpersteine. Das Jüdische Museum ist höchst respektiert und bringt kontroverse Programme. In Schöneberg strengt sich die Stadtregierung besonders in dieser Hinsicht an, wo Einstein und so viele berühmte Vertriebene lebten. Auch gibt es eine sehr aktive Gemeinde aus Israel, und viele Gastgeber haben gerne und oft Besuch aus Israel.

Viertens: der Durchschnittsburger kommt mir freundlicher, entspannter und weniger gestresst vor als in Wien. Die Berliner-innen scheinen Fremden gegenüber weniger mißtrauisch zu sein, weniger auf Abstand bedacht, suchen gerne Augenkontakt und kommen leicht in Gespräch. Ich hatte den Eindruck, dass es mehr soziale Solidarität in Berlin gibt als in Wien.

Die ersten zwei Wochen verbrachte ich in den westlichen Vororten und konnte oft schwimmen. Ein Gastgeber hatte sogar ein Motorboot und hat mich weit und breit herumgefahren. Während der letzten zwei Wochen, im Zentrum, habe ich verschiedene „Kieze“ kennengelernt: Schöneberg, Kreuzberg, Prenzlauerberg, Alt-Moabit, Charlottenburg, sowie auch die erstaunliche Gemäldegalerie und überhaupt die Museumsinsel, die ich hoch empfehlen kann.

Dennoch ist Fahrradfahren nicht zu empfehlen. Obwohl die Auto- und LKW-Fahrer respektsvoll sind, gibt es unzählige Strassen mit brüchigem Kopfsteinpflaster und überall Baustellen – die Stadt ist im Dauerumbruch. Zu empfehlen dafür sind die Öffis, fast so verläßlich wie in Wien, allerdings lange nicht so modern.

Ich bin dahin – und zurück – mit Flixbus gereist: billig, pünktlich und mit WLAN ausgestattet: 9 Stunden für 27 Euro.

Berlin ist, dank Servas, meiner Meinung nach nur zu empfehlen!

Altes / Neues / Pergamon / Museums
Alte Nationalgalerie
Gemäldegalerie

Dieser Beitrag wurde unter Berichte nach Ländern, Westeuropa veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Berlin in vier Wochen mit neun Gastgebern

  1. Hedwig Seyr-Glatz sagt:

    Danke, liebe Renee, für deinen ausführlichen Berlin-Reisebericht.
    Damit kann eins echt was anfangen!
    Und Berlin wird einem noch sympathischer als es eh schon ist.
    Hedwig

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.