Peacewalk 2026 – zwei Tage lang in Wien

*** von Hedwig und Lorenz ***

Drei Servas-Austria-Mitglieder, Eva, Hedwig, Lorenz, nahmen teil am Peacewalk 2026-2027.

Unser Motto „Friede durch Freundschaft“ passt gut zu der Botschaft des Peacewalk:

  • Frieden ist keine Illusion
  • Frieden ist eine Aufgabe
  • Frieden lernen wir gemeinsam
  • In der Zeit, in der Gespräche oft abbrechen und Gräben wachsen, gehen wir los. Seite an Seite. Um zuzuhören. Zu lernen. Um den Frieden praktisch zu üben.
  • Denn Frieden entsteht nicht im Stillstand. Er beginnt, wenn Menschen gemeinsam losgehen.

Zwei Tage in Österreich von Hunderten von Wandertagen zwischen Spanien und Jerusalem, die Peacewalker aus der ganzen Welt mitmachen.

Am 9. August 2026 zeitig in der Früh war der Treffpunkt für den Abmarsch von Untertullnerbach, die letzte Etappe vor Wien. Wir treffen auf dem kleinen Bahnhof zusammen, einige reisen aus Wien wie wir an, die meisten kommen von der letzten Übernachtung aus Pressbaum und sind schon seit Tagen, Wochen, Monaten unterwegs durch Frankreich, die Schweiz und jetzt sind es die letzten Tage in Österreich. Jan und Jonas vom Orgateam von Civil action network, das den Peacewalk in Österreich organisiert, begrüßen uns herzlich. Wegen der außergewöhnlichen Hitze haben sie beschlossen, die Tagesstrecke von 25km auf 15km zu kürzen. Das hören wir gerne.

Wir stehen im Kreis, die beiden weißen Peacewalkfahnen mit einer Taube drauf und zwei Pilgerstöcke werden von den kundigen WanderInnen in die Mitte auf den Boden gelegt. Jan schlägt eine Kennenlernrunde vor, Irene gibt das Tagesmotto („Patience“) an und schon beginnt das Durchzählen, bis 18 geht es und jede/r gibt seinen/ihren Namen und ein momentanes Gefühl an. Von den seit längerem Wandernden heißt es durchgehend: müde, aber glücklich. Eine Pilgerin ist ziemlich erschöpft und gibt an, dass es ihr letzter Tag des Mitwanderns sein wird. Ich lerne dann Sylvie und Martine aus Frankreich kennen, die beide bis Sonntag bei uns in Wien übernachten werden. Nach dieser sympathischen Aufwärmrunde geht es gleich los über die Bahngleise hinüber in den Wald hinein, hügelauf und hügelab. Ich rede mit Ruzanne und Benjamin aus Trieste, mit Manuela aus Tirol, mit Cordula und Pia aus Deutschland, mit Irene, Marc, Esther und Pieter aus den Niederlanden über ihre Motive am Peacewalk teilzunehmen, wie lange sie schon wandern, was sie noch vorhaben. Von Pieter erfahre ich gleich, dass er auch Servas Mitglied ist und sogar eine Servas-Orga-Funktion innehatte. Bald darauf schon erhalte ich eine Wa-Nachricht aus Holland, von Helen, die einmal bei uns Gast war, dass sie sich freue uns beim Peacewalk zu sehen.

In den Gespräche geht es um die Freude am Wandern, um positive und negative  Aspekte bei der Teilnahme an einer Gruppe, um den Weg und das Ziel, um das Stärken, um Burnouts vor dem Entschluss, um das aktuelle Wohlbefinden, um Kraft und Energie, viel geht es um Psychologie, mit Rolf aus Deutschland geht es um die heutige Weltlage und den Frieden. Und es geht darum Verbindungen herzustellen, Verbindungen zu anderen Menschen, zu anderen Wegen zu anderen Zielen. Und es geht immer wieder auf und ab und über Stock und Stein durch den ausgetrockneten Wiener Wald, der an diesem Tag bereits herbstliche Farben spielt. Bei einer Pause, die von Irene, einer der Organisatorinnen, angesagt wird, setzen wir uns an den Wegrand, packen unsere Jause aus, verschnaufen. Plötzlich höre ich die Melodie des Donau Walzers und sehe ein Paar, das sich dazu im Takt dreht und ein zweites Paar. Kein schöner Traum, nein Marc und Ruzanna und Sylvie drehen sich im Kreis. Mich juckt es in meinen Tanzbeinen, aber ich bedenke den abschüssigen Weg, meine bereits ermüdeten Beine und lasse es lieber sein. Es ist so schön zuzusehen, wie sie sich lustvoll drehen und lachen und allen Freude bringen. Eine Frau mit 2 Hunden geht vorbei. Marc spricht sie an und weist sie auf den Friedensweg hin. Bald erreichen wir bei voller Mittagshitze Purkersdorf, jemand von den Wanderern fragt nach einer Wasserstelle und Toiletten. Der Befragte ist Sozialarbeiter und stellt uns seinen Arbeitsplatz, ein Jugendzentrum, für unsere dringenden Bedürfnisse ohne langes Zögern zur Verfügung. Im Ort auf dem Hauptplatz sitzen viele Leute im Kaffeehaus, Rolf spricht den erstbesten Gast an: “Wir sind auf dem Weg von Spanien nach Jerusalem, es geht um Frieden.“ Er verteilt das Flugblatt, die Menschen sind neugierig. Immer mehr wollen ein Blatt und wissen, worum es da geht. „Sehr gut klingt das.“ Sagt einer und der nächste möchte wieder ein Blatt. „Auf Wiedersehen. Und guten Weg!“

Wir kommen zur Wien, dem kleinen, renaturierten Flüsschen, das ab Hütteldorf in ein enges Betonbett gefasst ist. Der Weg führt unter Schatten spendenden Bäumen dem Wasser entlang! Pause an einer Stelle, wo wir mehr schlecht als recht am Ufer sitzen können. Irene schlägt vor eine halbe Stunde zu schweigen und wieder über patience nachzudenken. Wo brauche ich sie, wo habe ich sie, wo fehlt sie mir? Ich bin bewegt von der Natur am Bach und das bei der extremen Trockenheit!Büsche und Bäume spiegeln sich im Wasser, Pieter und Benjamin stehen abseits und diskutieren im Wasser stehend, Irene legt sich in T-Shirt und Short ins Wasser, Ruzanne watet genussvoll mit Socken und Sandalen an den Füßen durch das Wasser, die anderen sitzen am Ufer und meditieren. Ich stehe auf, möchte schnell ins Wasser, übersehe einen niedrigen Ast und schlage hart mit dem Kopf an. Kurzes Taumeln, die Kühle an den Füßen entschädigt mich. Soviel zu meiner Praxis bezüglich „patience“.

Es geht weiter, es wird immer heißer, die Gespräche werden immer seltener, der Baumbestand dünner. Die Wien schlängelt sich nun vorbei an kleinen Felsen, der Weg besteht aus natürlich angelegten, großen, glatten Steinen, vorbei an braunen Disteln, Giersch, lila blühendem Salbei, Klettenwurzeln und Goldraute, Kilometer um Kilometer Überschwemmungsgebiet, Staumauer, der schöne naturbelassene Weg wird eine schnurgerade Betonbahn, auf die die Sonne erbarmungslos hin brennt, die nächste Brücke mit einem Aufgang in Sicht, eine Fatamorgana? Die Luft flimmert. Wüstenfantasien in meinem Kopf. Das Wasser in meiner Vöslauer Plastikflasche ist lauwarm und schließlich ausgetrunken. Den Sonnenhut hab ich zu Hause gelassen, weil in der Früh ein paar Wolken am Himmel standen. Ideen zu „patience“ und zum Peacewalk sind ausgetrocknet. Nur mehr die Frage nach einem ruhigen Schattenplatz im überhitzten Kopf. Andere Peacwalker, Sylvie, Martine, Rolf usw. machen das seit Tagen, seit Wochen mit, fällt mir kurz ein.

Endlich kommen wir zur Ortstafel WIEN, dann zu einem kleinen Park mit Wasserstelle, dann zu einem Kirchenplatz mit einem schattenspendenden Baum, dem Endpunkt des Wandertages Nummer ??? für den Frieden. Hier versammeln sich alle in der Kirche von Hütteldorf, ich setze mich in eine Bank, auch hier ist es bereits überhitzt. Da höre ich von hinten eine wunderbare Tenorstimme, es klingt für mich nach Improvisationen, beruhigend, sanft, universal, kräftig. Später klärt mich Pieter auf: Walter von der Vogelweide und andere mittelalterlichen Lieder sind seine Spezialität. Schön jedenfalls.

Schließlich gibt es noch eine Abschlussrunde im Kirchenvorraum. 20 Menschen bedanken sich, geben Tageseindrücke wieder, Hitze, gute Gespräche, Wasser im Bach, Tanzen im Wald, Gesang in der Kirche. Fast alle scheinen glücklich zu sein, nur eine sagt offen, dass es ihr zu viel geworden ist und sie den Peacewalk beenden möchte. Auch das ist erlaubt!

Lorenz und ich brechen mit Martine und Sylvie, die Servas-Mitglied ist, zu uns nach Hause auf, die anderen machen sich auf den Weg zum Don Bosco-Heim im 3. Bezirk. Unsere Gäste scheinen froh zu sein, ein paar Tage Auszeit vom Wandern und von der Gruppe zu bekommen.

Abends findet die Kundgebung zum Hiroshimatag am Karlsplatz statt. Überfüllt ist der Platz nicht und der Altersdurchschnitt scheint um die 60 Jahre zu liegen. Wo sind die jungen Menschen? Fragt jemand hinter mir. Ich weiß keine befriedigende Antwort.

An die 40 Grad im Zentrum Wiens, Klimawandel unleugbar!

In den Reden geht es viel um den inneren Frieden und gewaltfreies Handeln, aber auch um ganz konkrete Forderungen wie die nach Abrüstung und Bewahrung der Neutralität. Am Ende werden bunte Papierlaternen auf dem Teich vor der Kirche losgelassen, sie segeln gemächlich auf dem Wasser dahin und spiegeln sich auf der Oberfläche. Wunderbare, friedvolle Bilder gehen rund um die Welt, hoffe ich!

Zwei Tage verbringen die PeacewalkerInnen in Wien, schöne Gespräche und Begegnungen sind angesagt.

Am Sonntag treffen einander ca 40 Personen auf dem Stephansplatz, um halb neun Uhr früh, Irene gibt das Tagesprogramm sowie die Meditationsanregung an, kaum ausgesprochen erklingen die

Kirchenglocken, wie zur Bestätigung. Abmarsch in den frischen Hochsommermorgen zum Donaukanal. Paddelboote und Ausflugsschiffe ziehen vorbei, Winken, die Kühle des Fließwassers, das Miteinander-Gehen, Einander-Kennenlernen, das Reden oder das Schweigen genießen. Aber es wird wieder sehr heiß, noch heißer. Noch nie bin ich diesen Weg gegangen, vorbei an idyllischen Flussuferplätzen, Brücken drüber und unten durch, an Obdachlosenunterständen vorbei, hässliche Verkehrsknotenpunkten, Straßenlärm und dann wieder die Stille, fast  dörfliche Idyllen, immer noch Stadtrand von Wien.

Autobushaltestellen erscheinen mir attraktiv, Umkehren, früher Heimkommen? Der Gedanke blitzt auf, der Gluthitze entfliehen oder nein, doch durchhalten. Die anderen tun es auch, es kommen sogar noch einige Wanderer dazu. Rast an der Schwechat, leider scheint es ein von Hunden stark frequentierter Platz zu sein, baldiger Aufbruch und nochmals geht es durch vorstadtähnliche, baumfreie Siedlungen, alles glüht. Endlich die Ortstafel Schwechat und der Kirchturm, ein Platz im Park unter Bäumen und der Tagesabschluss mit vielem Gratefull und ein bisschen Missstimmung, weil doch nicht alle dasselbe wollten.  Bei der kurzen Reflexionsrunde ist nichts mehr zu spüren davon. Wir verabschieden uns von den weiterwandernden Peacwalkern und machen uns auf den Weg zum Bahnhof, Abfahrt nach Wien.

Die meisten gehen weiter. Mit dem Frieden auf die Fahne geheftet. Er ist grade nicht sehr stark, aber wir können ihn verbreiten, gut so!

Weiß jemand einen anderen Weg aus den Kriegen und aus der Krise?

Hedwig und Lorenz, am 31. August 2026

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