Berlin in vier Wochen mit neun Gastgebern

von Renée Chinquapin

Ich verbrachte einen tollen Monat in Berlin, wo ich von neun Servas Gastgebern herzlich empfangen und beherbergt wurde. Ich hatte immer ein eigenes Zimmer, oft ein ausgeliehenes Fahrrad. Ich durfte für meine Spezialdiät immer selbst kochen sowie auch meine tägliche Yogaübungen machen. Alle Gastgeber haben gerne erzählt und mehrere interessierten sich für meine Berichte zu den aktuellen Ereignissen in Österreich und meiner Heimat, den USA.

Kulturell sind mir vier Unterschiede zu Österreich aufgefallen:

Erstens, man redet Klartext in Berlin mehr als bei uns. Dies kann verletzend, aber auch befreiend sein, da man sich die Dinge freier von der Leber reden kann als hier in Wien. Auch redet man schneller und öfter über Kosten, Einkommen und Geld überhaupt.

Zweitens: Essen überhaupt ist zweitrangig; man redet kaum über dieses Thema und fast alle kaufen bei Diskontern ein; die Deutschen scheinen einfach weniger Wert auf Essgenuß zu legen als hier.

Drittens: In Berlin zumindest, war ich ständig konfrontiert mit der NS-Judenermordung. Überall sind Stolpersteine. Das Jüdische Museum ist höchst respektiert und bringt kontroverse Programme. In Schöneberg strengt sich die Stadtregierung besonders in dieser Hinsicht an, wo Einstein und so viele berühmte Vertriebene lebten. Auch gibt es eine sehr aktive Gemeinde aus Israel, und viele Gastgeber haben gerne und oft Besuch aus Israel.

Viertens: der Durchschnittsburger kommt mir freundlicher, entspannter und weniger gestresst vor als in Wien. Die Berliner-innen scheinen Fremden gegenüber weniger mißtrauisch zu sein, weniger auf Abstand bedacht, suchen gerne Augenkontakt und kommen leicht in Gespräch. Ich hatte den Eindruck, dass es mehr soziale Solidarität in Berlin gibt als in Wien.

Die ersten zwei Wochen verbrachte ich in den westlichen Vororten und konnte oft schwimmen. Ein Gastgeber hatte sogar ein Motorboot und hat mich weit und breit herumgefahren. Während der letzten zwei Wochen, im Zentrum, habe ich verschiedene „Kieze“ kennengelernt: Schöneberg, Kreuzberg, Prenzlauerberg, Alt-Moabit, Charlottenburg, sowie auch die erstaunliche Gemäldegalerie und überhaupt die Museumsinsel, die ich hoch empfehlen kann.

Dennoch ist Fahrradfahren nicht zu empfehlen. Obwohl die Auto- und LKW-Fahrer respektsvoll sind, gibt es unzählige Strassen mit brüchigem Kopfsteinpflaster und überall Baustellen – die Stadt ist im Dauerumbruch. Zu empfehlen dafür sind die Öffis, fast so verläßlich wie in Wien, allerdings lange nicht so modern.

Ich bin dahin – und zurück – mit Flixbus gereist: billig, pünktlich und mit WLAN ausgestattet: 9 Stunden für 27 Euro.

Berlin ist, dank Servas, meiner Meinung nach nur zu empfehlen!

Altes / Neues / Pergamon / Museums
Alte Nationalgalerie
Gemäldegalerie

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Mission possible. Besuch bei alten Damen

Bericht über die Reise nach LA vom 6. – 20.8. 2018 zu einer „verlorenen Nachbarin“ und zum ältesten Servas-Mitglied

von Hedwig Seyr-Glatz

6.8.

Im Jahre 2011 waren wir bereits in LA, um Hansi Katz zu besuchen. Da war sie jedoch nach einer Herzoperation so geschwächt, dass wir sie nicht sehen konnten. Lorenz hatte mit ihr seither regelmäßigen telefonischen Kontakt. Inzwischen ist das Buch „Reisen zu verlorenen Nachbarn. Die Juden von Wiesmath“ erschienen, Hansis Tochter Niza, ihr Schwiegersohn und der Enkel Aaron waren bei uns zu Besuch und Hansi hatte sich soweit erholt, dass sie besucht werden wollte. Sie ist jetzt 6 Jahre älter, also 92, aber besser beinander. Daher machten wir uns am 6. August auf den Weg nach Kalifornien. Niza und Mark holten uns vom Flughafen ab, brachten uns zu unserem ersten Haus (Wohnungstausch) in Venice, wunderschön geräumig ruhig an einem Kanal gelegen, natürlich belüftet und nur 10 Gehminuten vom Strand entfernt.


In Venice am Kanal

Abends sahen wir uns gleich in der Nähe um, originelle alte kleine Holzhäuschen, aber auch supermodern restaurierte, gestylte moderne Häuser wie unseres stehen da eins neben dem anderen. Zum Strand fahren wir per Rad zum Sidewalk und sehen gleich jede Menge Obdachlose, die dort ihre Habseligkeiten auf den Wiesen unter den Palmen ausbreiten.

7.8.

Am nächsten Morgen fahren wir nach West Hollywood mit dem zum Haustausch dazugehörenden Volvo zu Hansi. Beim Beverly Hill Boulevard wohnt sie im „big house“. Gefängnis heiße das im Jargon, sagt mir Niza. Dahinter in der Garage haben Niza und Mark sich ihr little house eingerichtet und sind sehr froh darüber, nicht im big house wohnen zu müssen. Sie leben eigentlich seit Jahren in West Virginia und haben dort ein Haus. Derzeit sind sie aber ausschließlich mit der Betreuung Hansis beschäftigt.


Bei der „verlorenen Nachbarin“ Hansi; mit Tochter Niza und Schwiegersohn Mark, Lorenz sowie mit dem getreuen Edi zu Hansis Füßen

Diese redet zuerst einmal redet über „ihr“ Wiesmath, alle Verwandten werden erwähnt, die Häuser, wie sie sie vor sich sieht, und sie sagt auch: „Manchmal hasse ich Wiesmath. Was die meinen Eltern angetan haben! Das Silber haben sie in Wäschekörben weggetragen und alles aus dem Geschäft auf die Gemeinde. Solche Verbrecher!“ Sie hat eine Betreuerin, die ständig um sie bemüht ist. Aber nur tagsüber. Abends und nachts sind die Töchter für ihre Betreuung zuständig. 6 Stunden bleiben wir dort, immer wieder kramt Hansi Fotos hervor, erinnert sich an diese und jene Situation, von Erschöpfung, die ich nach 3 Stunden schon verspüre, ist bei Hansi keine Spur. „I feel so lively today“, sagt sie mehrmals. Niza und Mark betonen im Laufe der zwei Wochen, die wir in LA sind, immer wieder, dass sie über unseren Besuch froh sind, weil er ihrer Mutter so gut tut.

Das Haus in Venice bewährt sich, die Gegend ist ruhig und angenehm. Wir können herrlich schlafen und spüren kaum den Jetleg. Nur einmal nachts reißt uns ein schriller Ton aus dem Schlaf. Wir suchen alles ab, finden jedoch nichts Verdächtiges. Lorenz teilt per Mail den Alarm unseren Gastgebern mit und erfährt, dass eine Spinne über den Melder gelaufen sein könnte. Besonders willkommen sind uns die Fahrräder. Wir fahren einkaufen und zum Strand.

Es ist der 8.8.

Niza und Mark holen uns von Venice ab, um mit uns das neue Museum The Broad in Down Town zu besichtigen. Wir sind ein wenig erschlagen von der großen Anzahl moderner Bilder und Skulpturen, eindrucksvoll bunt und knallig die riesigen Tulpen, und manche verstörend, wie z. B. diejenigen von Anselm Kiefer über den Krieg. Dann spazieren wir durch die von Wolkenkratzern gesäumten Straßen, auf der Suche nach einem Restaurant, kommen per Angel‘s Zahnradbahn zur recht europäisch wirkenden Alten Markthalle, in der ein Standl neben dem anderen uns nicht zum Konsumieren verlocken kann, weil es weit und breit keinen Salat zu sehen gibt und es derartig laut und stickig drinnen ist, dass wir die Flucht ergreifen. Es ist auch um diese Nachmittagszeit extrem heiß und wir spüren nun den Jetleg. Später gehen wir noch in Nizas und Marks little house auf einen Kaffee, sie erzählen uns viel über ihr Leben und wir reden über Gott und die Welt. Wir sind bereits Freunde geworden.

9.8.

Die Radtour nach Santa Monica samt Kaffee am Strand und ein wenig Baden im Ozean genießen wir. Dabei übersehen wir nicht die vielen Obdachlosen, die dort auf den Wiesen ihr Lager mit allen Habseligkeiten aufgeschlagen haben. Auch bei den Fahrten durch die Stadt machen uns Niza und Mark immer wieder aufmerksam auf die zahllosen Planen an den Straßenrändern verschiedenster Stadtviertel. Die Obdachlosigkeit zeigt sich offen und brutal. Gewöhnungseffekt ist sicher vorhanden. Niza liest uns die Statistik vor. Es gäbe 54000 Obdachlose in LA. Uns kommt vor, als müssten das viel mehr sein.

Am 10.8.

übersiedeln wir nach Pasadena. Wir überlegen lange, ob wir nicht ein Auto mieten sollten, aber Niza und Mark holen uns wieder ab und wir haben den Eindruck, dass sie das gerne tun, weil sie an unseren Aufenthaltsorten und der Art des Reisens mit Wohnungstausch und Servas interessiert sind. Sie bringen uns zu dem Haus im Arts- and Crafts-Stil, so etwas wie bei uns die Wiener Werkstätten. Der Schlüssel liegt, wie es im Mail von Susan steht, hinter der Lampe rechts von der Tür der Veranda. Das Häuschen wirkt von außen recht klein und bieder, ist innen sehr geräumig und kuschelig. Die Nachbarin steht bereits vor ihrer Tür, um uns über das Haus und die Gegend zu informieren. Unsere Gastgeber wohnten erst seit kurzer Zeit hier, seien aber öfters weg. Ihr Sohn kenne sich aus mit den Bussen. Leider nehmen wir seine Erfahrungen nicht in Anspruch. Wir werden das noch sehr bereuen.


Im Garten „unseres Hauses“ in Pasadena

Lange studiere ich die 16 Seiten house instructions; wir sollen uns im Garten, am Weinbuffet, in den Vorratskästen bedienen und das Silberbesteck verwenden, weil sie das auch gerne tun und das seit 40 Jahren. Abends gehen wir noch ein wenig spazieren, kein Mensch außer uns ist auf der Straße; die Häuschen sind von bescheidener Größe, es ist keine reiche Gegend. Vor einem einzigen Haus sitzen Leute und unterhalten sich laut, es sind Afroamerikaner, ansonsten ist alles ruhig, fast totenstill. Bis zum nächsten Geschäft ist es ungefähr eine Meile.

Am nächsten Tag

haben wir Gelegenheit, die Öffis auszuprobieren um ins Zentrum von Pasadena und zur Huntington Library samt Galerien und Park zu kommen. Busse gibt es, aber nicht zum großen Freizeitpark, dorthin wandern wir hauptsächlich zu Fuß, etliche Meilen sind es, die wir an diesem heißen Tag in die Beine bekommen. In einem eleganten Raum gibt es eine Gutenberg-Bibel aus dem 15. Jahrhundert zu besichtigen. Außerdem befinden sich in dem riesigen Park 2 Gemäldesammlungen, die uns aber nicht sehr überzeugen, die Bilder mit schönen Damen sehen wie ein Modejournal aus dem 18. Jahrhundert aus. Der Park ist weitläufig, es gibt Rosen-, Kräuter-, einen japanischen, einen chinesischen Garten usw. Überall ist zu sehen, dass die Pflanzen trotz künstlicher Bewässerung unter der Trockenheit leiden. Es hat seit Februar kein einziges Mal geregnet.

Sonntag, 12.8.

Ich mache meine Gymnastik; entdecke im großen Garten die köstlichen Feigen und Orangen, beobachte die Eichhörmchen und gieße die ausgedörrten Rosenbüsche. Mittags kommen Niza und Mark; ich habe was gekocht, wir essen miteinander, jedoch nicht mit dem Silberbesteck. Am Nachmittag gehen wir in ein Konzert in der Disney Concert Hall. Bernsteins „Westsidestory“, „Candide“ und nach der Pause noch Ausschnitte aus Beethovens 9. Wir sind eingeladen. Im Foyer ist ein Vortrag des Dirigenten. Er erklärt die Musik, das Leben der Komponisten, macht Showstimmung; es wird immer wieder gelacht. Dann fragt er, wer die Hymne Europas kennt. Wir zeigen auf, stehen aber zu weit hinten, als dass der Dirigent uns sehen könnte. Eine Person in dem Saal mit ca 300 Leuten kennt die Ode an die Freude als Europahymne. Auch während des Konzerts wendet der Dirigent sich immer wieder ans Publikum um etwas zu erklären oder eine Anekdote zu erzählen. Sehr unterhaltsam!


Bernstein und Beethoven bei Walt Disney

Unsere Plätze sind sehr weit oben; die Musiker sehen aus wie Ameisen: Am Beginn wird die amerikanische Hymne gespielt. Alle, die Orchestermusiker, der 200-köpfige Chor und das Publikum stehen auf. Die Musik ist technisch perfekt zu hören, aber es fehlt mir das Klangerlebnis. Danach gehen wir um das Konzerthaus spazieren, sitzen lange in einem öffentlichen Garten auf dem Dach des Gebäudes neben einer gigantischen Skultpur, sieht aus wie Styropor und stellt eine Blüte dar. Wir unterhalten uns über Musik, Kunst und immer wieder steht im Mittelpunkt die Hochzeitsplanung. Tochter Daniella wird im Februar heiraten und wünscht sich eine große Feier einschließlich Synagogenzeremonie. Hansi hat das Kleid bezahlt und freut sich darüber, sich das leisten zu können. Sie war ja nie reich, arbeitete als Supermarktverkäuferin und ihr Mann war Elektriker in den Hollywoodstudios.

13.8.

Nun beginnt die Servaszeit: Marc und Niza holen uns wieder ab und bringen uns nun zu unseren Gastgebern, sie unterhalten sich auch mit ihnen und beschließen, dass Daniela Servas beitreten soll. Ob das so klappt, wie sie sich das vorstellen?

Von 13.-15.8. sind wir bei Nancy: retired teacher Schweizer Abstammung, spanisch gestyltes schmuckes Häuschen im Museumsviertel, miracle mile genannt. Wir spazieren zu Fuß zum LACMA, gleich gegenüber zum Automobilmuseum und daneben zum Brea, danach zum Skulpturenpark, der leider geschlossen ist: Der riesige Felsen, der über einer Rinne liegt und die hundert Laternen sind frei zugänglich und beliebte Fotomotive. Die künstlerische Bedeutung erschließt sich weder der dort wohnenden Nancy noch uns in der kurzen Zeit. Es sind attraktive Aufbauten, die show scheint hier schon sehr wichtig zu sein, wen wundert‘s!



Lorenz mit Servas host Nancy beim Museum of Art und das Schild vor ihrem Haus

Abends fahren wir zu einem Kino in Hollywood, Nancy hat 2 Gratiskarten über ihre subscription bei Los Angeles Times, wir sind jedoch zu dritt. Sie macht sich zuerst Sorgen, aber es ist kein Problem, als die junge Frau an der Kassa erklärt, dass wir aus Wien kämen. Ein riesiger Becher Popcorn und ein Getränk im Literbecher gehören dazu. Der Film „Bookshop“ ist schön altmodisch, langsam, zeigt herrliche englische Landschaften, aber die Handlung kommt uns etwas einfach gestrickt vor und hat für mich einen unerklärlich pessimistischen Schluss.

Am 14.8.,

dem nächsten Tag, Nancy hat zu tun, fahren wir per Bus und Metro nach Long Beach und von dort per Schiff zur Insel Santa Catalina, von Renee, unserem amerikanischen Servasmitglied, empfohlen. Die Metrotrasse läuft über der Erde wie eine Straßenbahn, was uns eine gute Aussicht auf die verschiedensten Stadtviertel bietet. Auf der Insel gibt es nur einen kleinen Badeort mit Strandleben. Wir borgen uns Räder aus, aber es gibt nur eine Meile zu befahren; den Berg hinauf möchte ich bei der Gluthitze nicht. Wir radeln ein Stück bis zum Ende der Straße und setzen uns an einen freien Strand, das Wasser sieht allerdings etwas verschmutzt und nicht gerade einladend aus. Weil eine Frau schwimmen geht, traue ich mich auch hinein. Werde aber nicht ganz warm. Am Pier essen wir eine Fischsemmel miteinander, das Bier darf man nur an einer bestimmten Stelle in der Mitte des Stegs trinken. Ein junger Mann sitzt dort und liest ein dickes Buch. Das fällt auf!

Abends wird es sehr spät, weil wir so lange zum Ticketkauf am Automaten brauchen und uns der Zug vor der Nase davon fährt. Sehr unfreundliches, unamerikanisches Verhalten eines Straßenbahnfahrers! Zwei Frauen im Bus bei der Rückfahrt bemühen sich darum, uns den Weg zu unserer Staße zu erklären, fragen sogar den Fahrer, trotzdem steigen wir zu früh aus und müssen dann noch ganz schön herumsuchen und meilenweit gehen, bis wir endlich Nancys Häuschen finden. Denn vollständige Stadtpläne haben wir nicht; die City ist offenbar zu groß und die Apps schon zu verbreitet um einen Gesamtplan zu bekommen.
Am nächsten Tag in der Früh, dem

15.8.,

backen wir Pancakes, Nancy liest das Rezept aus einem alten Kochbuch vor und ich mische danach die Ingredienzen zusammen, ein Ei, viel Mehl, Backpulver und Milch, dann wird der Teig in kleinen, runden Scheiben in einer Pfanne mit Öl gebacken. Es schmeckt mit Honig und viel Obst köstlich. Nancy war schon von 6 bis 8 Badminton spielen; ich wollte auch mit, habe jedoch keine Sportschuhe dabei, daher geht dieser Kelch an mir vorüber und wir schlafen bis 8 Uhr im bequemen Bett des Gästezimmers mit Bad.

Nach dem ausgiebigen Frühstück mit Gesprächen über ihre Herkunft, ihre Familie, ihre Zeit als Lehrerin in einer Volksschule bei den Erstklasslern, geht Lorenz ins Naturhistorische Museum, das sich im Gelände des „Asphaltsees“ befindet. Dort hat man im letzten Jahrhundert tausende eiszeitliche Tierskelette aus dem Aspahlt rausgebuddelt. Die Tiere sind damals elend verendet, wenn sie in den Teer gerieten. Nancy und ich spazieren in der Nachbarschaft umher, gehen zum neuen Peterson Automobilmuseum, nur ins Foyer, das imposant genug ist, und dann zur
zweisprachigen Yogastunde, die gratis in einer japanischen Foundation angeboten wird.

Danach holen uns wieder einmal Niza und Mark von der „Berliner Mauer“ ab, die zwei Betonblöcke dieser „Skulptur“, vor einem Hochhaus, das wir am nächsten Tag dann mit Deirdra betreten werden, stammen wirklich aus Berlin. Nancy und Niza und Mark plaudern miteinander, sie versichern einander in Kontakt zu bleiben, was leicht ginge, da sie in Gehweite voneinander wohnen.
Dann fahren wir zum Whole Food, um dort noch was zu essen. Es ist gut zubereitetes Essen, teuer, was Besonderes für uns. denn zu Hause würden wir nie in den Supermarkt essen gehen. Teller und Besteck ist alles aus Karton und Plastik und wird nach Gebrauch weggeworfen. Wir erwähnen die Umweltverschmutzung. Mark meint, dass das Wasser zum Geschirrspülen auch teuer sei.

Danach machen wir eine Runde im Viertel und kommen zum Park, wo Mark immer den Hund Edi ausführt, während Niza zur Gymnastik geht. In einer Ecke dieses Parks ist ein Holokaustmuseum. Vor dem Eingang stehen hohe Marmorstelen mit historischen Kurzfassungen zu den Jahren 1933 bis 1945. Ich bekomme Gänsehaut. All dieses Elend hat seinen Anfang in Österreich, in meiner Gegend, mit Hitler und den Nazis begonnen. Da lässt sich nicht darüber hinwegtäuschen. Wir gehören dazu und in unserer Generation steckt noch viel von diesem Unheil. Wir halten uns für friedliche, harmlose Leute, aber da ist noch was in uns und in unserem Land, was immer noch nicht voll erkannt wird. Wir betreten den Gedenkraum für die ermordeten Kinder. Auf einem kleinen Tisch befinden sich in einem Kästchen Zettel mit Fotos, Namen und Daten der ermordeten Kinder. Man kann dazu etwas schreiben und dann zusammengerollt in die kleinen Löcher der Mauer stecken. Das tue ich für Sara aus Polen, gestorben 1942 in Auschwitz.
Wir fahren in das Silver Lake Viertel zu unserer nächsten Gastgeberin Deirdre M.

Vom 15.-17.8.

sind wir bei ihr in einem großen Wohnblock mit swimmingpool im Innenhof. Gleich beim Durchqueren der weitläufigen Garage des Wohnblocks erzählt sie uns von ihrer irischen Abstammung und ihrem Vater, dem berühmten Schriftsteller Christopher Marlow, ihren drei Jobs, ihrem Ehemann, der das halbe Jahr bei ihr in LA lebt und die andere Hälfte des Jahres im Osten, ihren beiden Kindern usw. Abends gehen wir auf Einladung Hansis zur Hollywood Bowl, einer riesigen Freiluftarena, wo man Picknick mitnimmt. Deirdre bereitet den Proviant vor, wir kaufen Wein und finden tatsächlich unsere Plätze ca 500 m entfernt von der Bühne auf dem Juchhe. Die Musiker sind wieder wie Ameisen zu sehen; der Stepptänzer tut sein Möglichstes, aber kann uns nicht wirklich überzeugen. Nur als er die Geschichte von dem T-shirt erzählt, das er vom Publikum auswählen lässt, und als er das anzieht mit der Aufschrift: „Barak, we miss you“ gibt es großen Applaus, der weckt uns auf. Der darauffolgende Schlagerstar ist auch nicht ganz unser Geschmack. Aber die Atmosphäre ist toll.


Step dance und Jazz im Hollywood Bowl. Fast schon eine Luftaufnahme

Am nächsten Tag fahren wir per Bus in den Griffith Park, besichtigen das Observatory mit seinen schönen Erklärungen zu Zeit, Planeten, Jahreszeiten, Tag und Nacht usw. Wunderbar aufbereitet, wie es die amerikanische Museumsdidaktik kann.
Danach wandern wir durch den Berlin forest zum Hollywood Mount hinauf, ziemlich heiß und wüstenartig. Wir sollen keine Abkürzungen nehmen und, weil das einige nicht ernst genug nehmen, wird dramatisch vor Klapperschlangen gewarnt. Herrliche Aussicht belohnt uns und beim Dante‘s View-Plätzchen fühlen wir uns endlich wirklich auf Urlaub.

Abends gehen wir mir Deirdre in ein chickes Restaurant, das sie ausgesucht hat, in der Nähe, sagt sie. Trotzdem fahren wir ca 20 Minuten mit dem Auto hin; essen köstlich Gemüsiges, unterhalten uns über Gott und die Welt, allerdings mit der Schwierigkeit, dass wir wegen der Musikberieselung und der Lautstärke des jugendlichen Publikums eher wenig verstehen.Für nächsten Tag hat Deirdre uns was Besonderes organisiert: „Oscar on tour“, ob wir da mitmachen wollen? Keine Ahnung, was das sein sollte. Auch Nancy war gespannt, als wir ihr davon erzählten. Rendez-vous ist in dem Gebäude bei der Berliner Mauer. Dort befindet sich das Baubüro des Academy museum of emotion pictures und da beginnt die Oscar on tour, die Besichtigung der riesigen Baustelle des neues Filmmuseums. Deidres Freundin begrüßt uns und führt uns zur Kuratorin. Sie ist Linzerin, lebt seit Jahren in LA, sehr sympathisch, hat eine Ausstellung über jüdische Hollywoodkünstler, die aus Deutschland in die USA geflüchtet waren, kuratiert. Lorenz erzählt von seinem Buch. Und schon werden verschiedene Buchtitel und Visitenkarten ausgetauscht. Wir bekommen Leuchtwesten, feste Schuhe und Helme und dann geht die Tour los. Zuerst sehen wir die Modelle vom Museum, eine Weltraumschiff soll die riesige Kugel darstellen. Der Sicherheitsverantwortliche lotst uns durch die Baustelle vorbei an Schweißern, Bohrern, Eisenträgern, Kränen und erzählt von Baustellenproblemen. Sensationell, so etwas zu sehen. Hinauf auf eine Brücke geht’s per Baulift. Von dort sieht man das Hollywood sign und wenn alles fertig ist, hält man sein Handy hin und kann mittels App einen Film über das historische Hollywood sehen. Freilich, nächstes Jahr, wenn das Museum eröffnet wird, müssen wir wieder kommen. Herzliche Verabschiedung von Deirdre, unsere zweite Gastgeberin.


Servas host Deirdre, Lorenz und Hedwig auf der Baustelle, aus der nächstes Jahr das Academy Museum werden soll

Und wieder holen uns Niza und Mark ab und bringen uns zu unseren nächsten Gastgebern, Dennis Mogerman und Shea

Vom 17.-19.8.

sind wir bei ihnen, wie anfangs jetzt wieder in Venice. Abends gehen wir mexikanisch essen, Dennis ist begeistert von diesem Food, wir haben schon etwas Sehnsucht nach unserem frischen Gemüse.
Der zweite Höhepunkt am nächsten Tag ist der Besuch bei Anni Wagner-Lampl in den hills über den canyons hinter Hollywood. Sie ist sicher das älteste Servasmitglied, im Oktober wird sie 101 Jahre. Dennis hat uns im Vorfeld informiert, dass Anni Schwimmerin bei Hakoah im Wien der 30er Jahre war. Lorenz hatte den Hakoah-Vizechef von unserem Vorhaben, sie zu besuchen informiert. Wir haben also ein Packerl mit Sachen und einem Brief von Hakoah mit. Man erinnerte sich dort sofort an sie, weil Israelis Anfang 2000er einen Film über die Hakoah-Schwimmerinnen gedreht haben.

Als wir das Haus betreten, sitzt Anni bereit für den Besuch im großen Wohnzimmer, richtet jedoch nicht den Blick auf uns. Wir wissen bereits von Dennis, dass sie seit Jahrzehnten blind ist. Die Betreuerin meint, wir sollten uns neben sie setzen und legt ihre Hand auf unseren Arm. „Also, Sie kommen aus Wien. Ich habe bis 1939 in der Josefstädterstraße 56, gegenüber von der Lärchengasse gewohnt. Wissen Sie, wo das ist?“ Zuerst mit schwacher, dann immer fester werdenden Stimme und im Josefstädter Hochdeutsch. „Ja, wir wohnen so 10 Häuser unterhalb auf der linken Seite.“ antworte ich. Sie spricht weiter: „Aber dann haben uns die Nazis vertrieben. Ich hatte eigentlich keine Probleme mit ihnen, weil ich blond war. Mein Verlobter konnte schon 38 weg. Ich hätte ihn auf der Stelle heiraten müssen um mit ihm gehen zu können. Das wollte ich nicht. Ein paar Jahre später in LA habe ich ihn dann eh geheiratet.“


bei Annie Lampl, mit 101 Jahren die Doyenne aller Servas-Mitglieder

Sie erzählt , dass sie im Hinterhof des Hauses in der Josefstadt mit ihrer Schwester als Kinder davon geträumt hatte, einmal einen Garten mit großen Bäumen zu haben. „Das hat der Hitler mir verschafft. Hier habe ich jede Menge große Bäume um mein Haus.“ Sie war Psychologin, hat 2 Söhne und 2 Enkelsöhne, die alle weit weg wohnen, aber zufällig waren ein Sohn und ein Enkel an genau diesem Tag auch zu Besuch. Wir lernen auch sie kennen.

Dennis und Shea haben ein Lunch mitgebracht, Anni hatte Apfelkuchen verlangt und besteht darauf, dass wir den essen. Als wir ihr erzählen, dass wir in LA sind, um Hansi Katz zu besuchen, sagt sie sofort, dass sie sie kennenlernen möchte. Abends sind wir dann noch auf ein dinner bei Hansi eingeladen, die erweiterte Familie ist eingetrudelt, es gibt koscheres Essen. Dennis und Shea kommen uns später abholen und genießen das „traditional food“. Als Hansi erfährt, dass wir Anni besucht haben, möchte auch sie sie kennen lernen.

Sehr bewegt von diesen Begegnungen, die uns wie Zeitreisen vorkommen, fahren wir spät nach Hause. Am nächsten und letzten Tag führt uns Dennis noch zu verschiedenen Supermärkten, den Kathedralen der modernen Großstadt, und weiß zu allen was zu erzählen, billiger, teurer, gute oder schlechte Behandlung der Angestellten. Am Nachmittag schlägt er vor, noch mit dem öffentlichen Waterbus in Marina del Ray spazieren zu fahren. Das tun wir auch, ich schon etwas nervös, und sehen viele Seehunde sowie eine Yogastunde am Wasser auf Ruderbrettern und hübsche Frauen, die ihre Hündchen und sich auf den Brettern durch die Gegend rudern und bewundern lassen.


bei unseren Servas hosts Shea und Dennis

Im Fisherman‘s Village spielt eine Band auf und zu Blues und Boogies tanzen Oldies mit Rollator und ohne wie wir. Ein schwungvoller Abschluss unserer Reise. Von hier führen uns Dennis und Shea direkt zum Flughafen. Herzlicher Abschied mit Beteuern, dass man einander wiedersehen möchte.

Eine Woche später kommt bereits das Foto über das Treffen der beiden Frauen Anni und Hansi in Hollywood. Sie freuen sich, einander kennen zu lernen, sich in ihrer Muttersprache miteinander unterhalten und Erinnerungen austauschen zu können.
Auch das hat Servas ermöglicht!

Servas lebt! Es lebe Servas! Hoch! Und viele Jahre noch!

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In Dänemark und Norwegen

* von Ingrid und Tom *

Hier ein kurzer Bericht unserer letzten Reise mit Servas. Möge er vielen Menschen Gusto machen, es uns gleichzutun, auf dass Servas nicht aussterbe!

Wir hatten vor, zwei bis drei Wochen in unserem VW-Bus Skandinavien zu erkunden. Auf dem Weg in den Norden machten wir in Kopenhagen Station, wo uns Felicia und Preben für zwei Nächte aufnahmen. Da Preben selbst im Tourismus arbeitet, hatte er viele gute Tipps für uns – auch für Norwegen!


Norwegisches Frühstück

Dort besuchten wir südlich von Oslo Leif und Anne-Beth sowie ihren kanadischen „Workawayer“ Gareth. Zum Glück hatten wir unsere Schlafplätze im Bus, denn Gareth wohnt schon seit Monaten in Leifs und Anne-Beths Gästezimmer und hilft ihnen für Kost und Logis bei allen anfallenden Arbeiten. Uns war aber nur wichtig, Kontakt zu Einheimischen zu haben und viel über das Leben in Norwegen zu erfahren, also parkten (und übernachteten) wir in ihrer Einfahrt und freuten uns über die gemeinsamen Mahlzeiten und die „Fragestunde“. Wir wurden im korrekten Verzehr des typischen braunen Käses unterwiesen, durften Moltebeerenmarmelade kosten und verglichen vor allem das Leben in Österreich mit dem in Norwegen und in Kanada. Obwohl wir nur eine Nacht dort verbrachten, hatten wir das Gefühl, uns von guten alten Freunden zu verabschieden. Diese Herzlichkeit werden wir nie vergessen!

Ebenso gut nahmen uns Dag Eirik und Tora auf der Insel Stord auf. Es war eine Freude zu sehen, mit welchem Genuss Dag Eirik seine beachtlichen Deutschkenntnisse einsetzte. Wer freut sich denn nicht, wenn jemand ihre/seine Muttersprache so offensichtlich liebt? Genauso viel Herzblut steckt Dag Eirik in Nynorsk, die weniger verbreitete Variante des Norwegischen. Wir verdanken ihm viel Information über diese Sprache, die neben Bokmal (dem Dänischen sehr ähnlich) in Norwegen gesprochen wird. Genauso wie über Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Schwedisch, Dänisch und den beiden norwegischen Sprachvarianten.

Außerdem war es faszinierend, herauszufinden, wie viel Wortschatz diese skandinavischen Sprachen mit Deutsch gemeinsam haben.
Wir haben jedenfalls Land und Leute liebgewonnen. Die ruhige, gelassene und freundliche Art der Menschen im Norden begeistert uns genauso wie die schöne Landschaft. Und wir sind uns einig: Ohne Servas bliebe vieles an der Oberfläche, wie in einer Hochglanz-Tourismusbroschüre, aber dank unserer sympathischen Gastgeber(innen) durften wir tiefere Einblicke gewinnen!

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„Gemeinsam unterwegs“ im Allgäu vom 6.-12. Juli

von Hedwig

Diesmal organisierte Servas Deutschland, allen voran Margret K. und Brigitte R., dazu gab es ganz viele Helferinnen und Helfer, die die Wanderwege ausgekundschaftet hatten, vorher abgegangen waren und uns sicher darauf führten. Wie man es von unseren guten Nachbarn traditionell erwartet, klappte alles bestens.

Lorenz G. und ich, Hedwig S.-G., wir reisten per Bahn an, ein bisschen weniger traditionell ist diese derzeit unterwegs, es gab eine zweistündige Verspätung, aber wir hatten so gut kalkuliert, dass wir trotzdem rechtzeitig an Ort und Stelle im lieblichen Bad Hindeland in dem riesigen Gasthaus „Am Wiesengrund“ mit Biergarten und Schwimmbad ankamen. 80 TeilnehmerInnen begrüßten einander am ersten Nachmittag bis zum Abend. Ein großes Hallo wie in einer Großfamilie, die sich zum Geburtstag des Patriarchen, hier glücklicherweise ohne einen solchen und daher vollkommen unbelastet, trifft. Wir kennen bereits ca die Hälfte von den teilnehmenden Servassen, jedes Jahr werden es mehr, und die Freude, einander jährlich und manchmal auch zwischendurch wiederzusehen, ist jedesmal ehrlich und echt.

Das Wochenende diente der Vorbereitung auf die Treckings und dem Checken, ob die vorgesehene Wandergruppe passt. Am ersten Tag gingen wir, also Lorenz und ich, wie vorgesehen, mit der Medium minus-Gruppe steil, aber nicht sehr lange, bergauf zu einer funkelnagelneuen Berghütte auf dem Hirschberg mit herrlicher Aussicht über das Tal und viel nettem Getier rundherum (siehe Foto) gleich oberhalb von Bad Hindeland gelegen, dann gemütlich hinunter zurück ins Tal. Das war leicht geschafft. Wir lernten unsere neuen Weggenossen kennen oder plauderten mit denen, die wir schon kannten, Ingrid aus Telfs und Isolde aus Berlin z.B. Lorenz wünschte sich am zweiten Tag eine größere Herausforderung und stieg mit den Medium plus zum 1800m hoch gelegenen Schrecksee auf, reine Gehzeit 6 Stunden! Er wäre bei den MPlus gut aufgehoben gewesen, aber wir hatten uns ja im vorhinein für Medium minus entschieden, und das war gut so! Ich machte am zweiten Tag die gemütliche Wanderung mit Anstieg per Seilbahn auf den Berg Iseler mit. „Da geht’s ja zu wie auf dem Münchner Hauptbahnhof zur Stoßzeit,“ sagte jemand auf dem Gipfel, obwohl weder Kanzler Kurz noch Hansi Hinterseer dabei waren. Zum Glück! Ja, der Berg ist beliebt und das Wochenendwetter war auch ideal für so eine leichte Wanderung mit Kind und Kegel und Hund ohne Katz.

Am Montag begann das Trecking mit einem wunderschönen supersteilen Anstieg zur urigen Berghütte der drei Brüder Willner, aus dem 16Jht angeblich: stromlos, Handy verboten, aber sie sind dabei einen Weg auszubauen, auf dem kleine, schmale, vierrädrige motorisierte Transporter fahren können. Also, vorbei ist dort auch bald die Zeit der Gemütlichkeit, in der nur zwei Mal pro Jahr per Hubschrauber Lebensmittel angeliefert wurden. Wir waren schon am frühen Nachmittag dort auf der wunderschönen Alm mit Kuhglockengebimmel und herrlichem Bergpanorama rundum. Als Medium minus Gruppe durften wir uns einer ausführlichen Siesta in den Hüttenwandnischen widmen. Abends bekamen wir alle köstliche Teigwaren mit Sauce, und danach sangen wir angesichts von Abendrot und Mondaufgang so alles Mögliche, wozu uns Guido S., der sangeskundige Schweizer, anleitete, und auch was unser Gedächtnis an Liedern hergab.

Schlafengehen im Lager ist früh angesagt. Die Kühe im Stall direkt unter dem Schlafraum werden um fünf Uhr früh gemolken, auf die Weide getrieben, und der Lärmpegel von zweiterem erlaubt keine Langschlafsessions. Frühstück für alle um halb acht. Und dann gleich Aufbruch zu einer längeren Tagestour, wieder mit sehr steilem Anstieg. Das Wetter war ein wenig unsicher, es nieselte und nebelte daher, nur selten kamen ein paar Sonnenstrahlen durch. Wir überschritten die Grenze vom Bayrischen ins Österreichische ohne jeden Grenzstein, merkbar nur, wenn man die Landkarte studiert hat. Die Tour zog sich, leider gibt es keine Hütte unterwegs, aber wir waren mit Proviant genügend ausgerüstet und Belohnung gab es dann in einem Gasthaus am Vilsersee, alles was die Herzen der Liebhaber österreichischer Küche begehrten, Apfel- und Topfenstrudel. Zum Baden war es nur ganz wenigen nicht zu kalt, die Aussicht genossen wir, und dann ging es per Bus nach Tannheim ins Gasthaus Enzian. Meine Wanderpartnerinnen aus Südfrankreich, die noch nie im Tirolischen waren, bestaunten die riesigen, bunt bemalten Bauern- und Gasthäuser des Ortes und den sichtlichen Reichtum der Gegend. Ich war eher irritiert von der Zersiedelung und von den stark an Kitsch herankommenden Fresken. Den Abend verbrachten die meisten doch mit Fußballschauen, weil das WM-Matsch halt gar so spannend war, andere unterhielten sich über Gott und die Welt, den Brexit und die neuen Rechtsströmungen in den verschiedensten EU-Ländern, sorgenvolle Stimmung zog auf. Wer gewinnt das Match? Die Frage konnte ablenken, aber nicht alle. Alle jedoch waren müde von der Wanderung und gingen früh zu Bett.

Es schüttete draußen in Strömen, und das tat es auch am nächsten Morgen. Daher schieden sich die Geister der Teilnehmerinnen der Medium minus Gruppe; die einen fanden, genug Bewegung gemacht zu haben und fuhren per Bus gleich zum Tagesziel, die anderen hielten sich an Aufstiegshilfen und machten kürzere Strecken. Daher wanderten wir schließlich nur zu sechst, davon unsere zwei kundigen Führerinnen, Christa und Monika, die vorgesehene Route entlang dem Iseler, wieder ins Bayrische hinüber, wieder zu einer urigen Hütte, in der wir den dort produzierten Käse genossen und uns dann an den Abstieg, diesmal einen steilen, langen Weg abwärts machten. Umso entspannter waren unsere Gespräche über Beruf, Reisen und Familienherkunft. Schließlich kam die Sonne heraus, heizte uns immer mehr auf, sodass Lorenz und ich dann schon ziemlich weit unten im Tal uns ins natürliche Auffangbecken unter dem Wasserfall wagten. Die Abkühlung im eiskalten (gefühlte 10 Grad) Wasser gelang. Im Gasthaus „Zum grünen Hut“ waren schon ziemlich alle anderen eingetrudelt, bezogen ihre Zimmer, und alle genossen wir den wunderbaren Abend bei Sonnenschein, Wärme und köstlichem Essen. Christoph K. aus der Schweiz spielte mit der Klarinette auf, Guido schlug in die Tasten seines Örgli , Cecile aus Belgien geigte auf und alle miteinander sangen wir die üblichen Servas-Lieder mit Gitarrenbbegleitung und unter Anleitung von Elisabeth F. aus Tulln. Die gebührenden Dankesreden wurden gehalten.

Ja, sie haben es toll gemacht, die OrganisatorInnen. Feiwilligenarbeit vom Feinsten. Sie können gar nicht genug gelobt werden.Was ich hiemit auch tue. Besonders bei Christa G. und Monika R., die die Medium Minus geleitet haben, möchte ich mich auf diesem Weg nochmals ganz herzlich bedanken.

Hedwig

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Lorenz Glatz‘ book presented to Yad Vashem library in Jerusalem, July 17, 2018

von der website von Servas Israel:

Lorenz Glatz’ book „Journeys to Lost neighbors. The Jews from Wiesmath“ was donated to Yad Vashem library in Jerusalem by Servas Israel, dedicated to all Jews who perished or survived the atrocities done by the Nazis in Austria during World War II.

The book, written by Lorenz, Servas Austria member, was presented on Tuesday July 17, 2018, to Dr. Robert Rozett, Director of the Libraries, Yad Vashem by Servas Israel members: Lesley, Meir, Eran, Claudia and Shlomi (filming).
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Sieben Wochen, Siebzehn Gastgeber

Mit dem Rad fuhr ich gemütlich durch Vorarlberg, die Kantone St. Gallen, Thurgau und Zürich in der Schweiz, blieb meistens drei Nächte bei jeder Servas Gastfamilie. Ich brauchte acht Wochen um diese sieben-wöchige Reise zu organisieren, da die meisten Gastgeber von Servas Schweiz im Verzeichnis keine Handynummer angaben und auf meine Anfragen per Mail und Festnetz nicht antworteten. Überhaupt geht alles langsamer/gemütlicher/weniger gehetzt in der Schweiz, was ich sonst sehr angenehm fand. Man studiert, d.h. reflektiert, mehr als in Österreich.

Es gab genug freundliche Gastgeber, sodass ich immer nur leichte, kurze Strecken dazwischen fahren musste. Auch blieb ich in der eher flachen Nordostschweiz, um die schönen, aber extrem mühsam mit dem Fahrrad zu besteigenden hohen Alpen weiter im Süden zu vermeiden.

Was mich immer wieder in die Schweiz bringt, ist der Frieden, da es seit weit über ein Jahrhundert keine Kriege und kriegsbedingte Traumata gegeben hat. Dies führt zu einer universellen Entspanntheit, weit entfernt von Deutschland oder Österreich. Auch — vielleicht deswegen — erlebe ich Schweizer als weniger suchtleidend als andere Europäer; klar, man trinkt Alkohol, aber weniger und seltener.

Ich war erstaunt, wie wenigen Touristen und ausländlischen Radfahern ich unterwegs begegnete. Vielleicht wegen der Frankenteuerung finden Nicht-Schweizer es zu teuer, sich in der Schweiz aufzuhalten ausser bei extrem berühmten Orten wie dem Berner Oberland.

Die haben aber vieles verpasst! Was für eine wunderbare Zeit ich unterwegs hatte, in der üppigen Landschaft, schwimmend an schönen, abgelegenen See- und Flußufern, sitzend unter riesigen, uralten Buchen und Eichen, horchend im Wald und Flur auf Vogelgesang weit und breit, fotografierend mit grossen Augen Schlösser und Renaissance-Hausverzierungen in St. Gallen und Stein am Rhein.

Was mich aber am meisten freute während dieser sieben Wochen, war der Austausch mit den Servas-Gastgebern. Ich konnte mit allen Schnittmengen finden, fühlte mich pudelwohl und war bei allen wieder eingeladen nochmal irgendwann vorbeizuschauen. Alles in allem war diese Radreise — wie die vor zwei Jahren durch Bayern gemachte– unvergesslich, in jeder Hinsicht erfolgreich gelungen. . . dank Servas!

Die Vielfalt der Servas-Gastgeber war erstaunlich: eine klassische und zwei Volksmusiker; zwei Bauern; ein Gärtner; eine Krankenschwester; ein Journalist; eine Sex-Therapeutin; ein Mann, der Vision Quests leitet; mehrere Englisch-Lehrer; sowie einige, die mit Behinderten arbeiteten. Ich war bei Atheisten, Agnostikern, Reformierten, Katholiken, Buddhisten und Juden. Manchmal waren Kinder noch zu Hause, meistens aber nicht; viele GastgeberInnen waren, wie ich, in der Rente. Ich war bei Extrovertierten sowie Introvertierten, bei Paaren, Ledigen, Armen und Reichen. Gemeinsam hingegen schienen alle europäischer Herkunft zu sein und anscheinend heterosexuell; bei Servas habe ich noch nie Schwule oder Lesben erlebt.

Die Frage kam mir oft in den Sinn, „was heißt heutzutage Schweizer“? Ist man Schweizer, auch wenn beide Eltern aus Deutschland eingewandert sind, wenn man also Hochdeutsch zu Hause gesprochen hat und teilweise noch tut? Reicht es, wie mehrere Gastgeber es gemacht haben, den Schweizerpass zu erwerben aber den deutschen Pass noch in der Tasche zu haben?

Wo früher die meisten Ausländer aus Italien oder Ex-Jugoslawien stammten, sieht und hört man heutzutage eher gut ausgebildete Gastarbeiter aus Deutschland, wovon viele — aber nicht alle — Schweizerdeutsch können. Die Deutschen verdienen so viel besser in der Schweiz, dass sie bereit sind, weniger gutbezahlte, unangenehme Jobs da zu leisten. Die Schweiz war ja immer multi-kulti, mit vier Sprachen und unzähligen Dialekten, aber jetzt habe ich das Land– Zürich vor allem — eher wie die USA oder Deutschland erlebt, d.h., als echtes Migrationsland.

Ich war erstaunt, wie bunt die Bevölkerung sogar im Dorf ist. Mehrere GastgeberInnen sagten, die Schweiz habe pro Kopf mehr Ausländer als irgend ein anderes europäisches Land. Im winzigen Weinfelden habe ich ein spontanes Fussballspiel angeschaut . . . der Hautfarbe nach alle aus Afrika hergewandert. Die Schweiz strengt sich an, sie alle zu integrieren — da wird nicht gespart.

Alle Gastgeber waren extrem gastfreundlich, wollten für mich einkaufen und kochen. Nur zweimal musste ich im Wohnzimmer schlafen, meistens hatte ich ein geräumiges, sauberes Zimmer für mich, einmal sogar mit einem Täfelchen Schokolade auf die sauberen Badetüchern gelegt.

Die meisten Gastgeber wollten wissen, wieso die Amis Trump gewählt haben. Sie konnten das und Trumps Benehmen überhaupt nicht fassen. So gut ich konnte, habe ich erklärt, dass die neunzig Millionen christlichen Fundamentalisten — ein Drittel der Bevölkerung — einstimmig gegen eine Frau im White House gewählt haben. Auh konnten die GastgeberInnen nicht nachvollziehen, wie extrem rassistisch die USA immer noch ist.

Obwohl ich nirgends mehr als drei Tage verbrachte, führte ich mit allen Gastgebern tiefe, leidenschaftliche Gespräche. Viele haben sogar die eigenen persönlichen, familiären oder arbeitsbedingten Lebensherausforderungen mit mir geteilt, was ich als persönlichen Vertrauensbeweis gerne entgegennahm.

Der Schatten, der über uns immer hing, war, dass alle überzeugt waren, daß Servas am Aussterben ist. Mein Rettungsvorschlag, dass alle Servasenergien ab sofort nur in ein App fliessen sollen, um jüngere, handybessene Reisende anzulocken, fand Begeisterung bei GastgeberInnen unter fünfzig, aber Misstrauen und Skepsis bei den Älteren. Oft war ich fast deren einziger Servasgast seit Jahren, also, ein langersehnter Beweis, dass Servas überhaupt noch funktioniert.

Ich empfehle die Schweiz als Reiseziel, aber bald, bevor die Gastgeber drüben aus Frust sich vom Servas abmelden.

Falls meine Fotos von der Velotour interessieren sollten, hier sind die Links, gültig bis September:

„Swiss Beasts“: https://photos.app.goo.gl/h5upTBGmNcpPStuQ8

„Swiss Museums“: https://photos.app.goo.gl/FLzrz4BGYvatzyEe7

„Swiss Bike Tour“: https://photos.app.goo.gl/GVz7EKxb5cusXTLD6

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Zwei Tage mit Servas in Triest

von Hedwig Seyr-Glatz

Wenn man/frau sich eine Zeit zum Verreisen aussucht, die andere auch gerne wählen, rund um Feiertage wie dem 1. Mai mit eingelegten Brückentagen, dann ist es nicht ganz leicht, Servas-GastgeberInnen zu finden. Zuguterletzt aber meldeten sich Alda und ihre Tochter Elisabetta, mit denen wir schon länger Kontakt haben.

Nach 4 geruhsamen Tagen in Venedig in einer schönen eingetauschten Wohnung in der Calle Paradiso, trafen wir am Nachmittag des 1. Mai auf der Stazione Centrale ein. Dort erwartete uns bereits Alda, geleitete uns per Bus zu Elisabettas hoch gelegener, geräumiger Wohnung in einem grünen Bezirk. Wir legten unser Gepäck ab und machten uns gleich auf den Weg vorbei an blühenden Gärten und edlen Vorstadthäusern, aber auch an einem riesigen ehemaligen Militär-Gelände mit verfallenden Häusern von der vorigen Jahrhundertwende ins Zentrum. Große Gebäude,dem Verfall preisgegeben, haben wir da unterwegs und auch im Hafen, nicht wenige gesehen. Auch ein Schulgebäude aus den 80er Jahren fiel uns auf, sehr groß und weitverzweigt, alles in Betrieb, aber in schlechtem baulichen Zustand.

Das Zentrum ist herausgeputzt, viele Menschen auf den Straßen unterwegs; wir freuen uns über das südliche Flair, das hier immer mit Elementen aus der k.k. Monarchie verknüpft ist. Auf einem anderen Schulgebäude steht sogar noch „K und K Gymnasium“ über dem Eingangstor, daeben gibt es eine kleine Tafel mit der Aufschrift, dass es heute eine Schule für Schiffstechnik ist. Wir genießen den Abend.

Aber das Beste kommt am nächsten Tag. Alda lädt uns zu sich in ihr Dorf Servola, heute ein Stadtteil von Triest, ein. Sie erwartet uns bei der Busstation und führt uns gleich in das Dorfmuseum, für das sie den Schlüssel hat. Dort sind dreisprachige Dokumente zu sehen, italienisch, deutsch und slowenisch selbstverständlich. Auch Alda kann slowenisch und singt sogar in einem slowenischen Chor. Schöne Textilien, Trachten, Hausgeräte, was es eben in einem Dorfmuseum so gibt. Danach lädt sie zu uns zu einem Pranzo in ihre Wohnung oberhalb der Triestiner Bucht mit herrlichem Blick auf das Meer ein. Wir hören gerne ihre Erzählungen über ihre Her kunft, Familie, ihren Beruf usw. Alda hat voll aufgekocht und es schmeckt uns alles bestens.

Am Nachmittag fahren wir per Bus ans Meer und nehmen ein Schiff ins nahegelegene Muggia auf der anderen Seite der Bucht. Alda trifft einen Bekannten, der Italienischlehrer ist und grade eine Gruppe Touristen durch Muggia, einst Teil der Republik Venedig, führt. Wir dürfen uns der Gruppe anschließen und erfahren so in schönstem Italienisch über die Geschichte und bewundern den venezianischen Stil an vielen Details der Häuser dieser hübschen kleinen Stadt. Wieder ein öffentlicher Bus bringt uns dann zu dem landwirtschaftlichen Betrieb, der sich ein wenig außerhalb von Muggia vecchia befindet und so etwas wie einen großen Heurigen führt. Wir sitzen den ganzen Abend auf dem Hügel über dem Meer, gegenüber von Triest. Elisabetta kommt uns später mit dem Auto abholen.

Am nächsten Tag Rückkehr nach Wien. Eine schöner Kurzbesuch mit einer Servasbegegnung der besten Art. Vielen Dank nochmals an Alda und Elisabetta für ihre Gastfreundschaft!

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Servas-„Reisen zu verlorenen Nachbarn“

von Lorenz Glatz

Das Buch „Reisen zu verlorenen Nachbarn. Die Juden von Wiesmath“ (Löcker-Verlag Wien) handelt über die Reisen zu noch lebenden Frauen in Israel und den USA, die in meinem Heimatdorf Wiesmath der Buckligen Welt 1938 beraubt und vertrieben wurden und überlebt haben, weil sie es nach zwei vergeblichen Versuchen 1940 doch noch schafften, das Nazireich zu verlassen. Es geht um die Erzählungen aus ihrem Leben, von ihrer schwierigen Flucht, von der Ermordung der Angehörigen, die nicht so viel „Masel“ hatten, vom Ankommen in neuer Heimat, vom Heimweh und nicht verwundenen Schmerzen.

Wir sind immer mit Servas und Wohnungstausch gereist, was uns in diesen Ländern mit vielen Servas-people zusammengeführt hat, die uns viel Herz und Hirn Bereicherndes und auch Überraschendes beschert haben. Ich hatte das Buch seit seinem Erscheinen im November vor Schulklassen in Eisenstadt und bei einer Veranstaltung in Wien vorgestellt, die Nagelprobe jedoch war für uns die Präsentation am 18.Feber in Wiesmath selbst. Dass 120 Menschen gekommen sind und an die zwei Stunden voll Interesses zugehört und -geschaut und nicht wenige dann noch mit uns und untereinander weiter gesprochen und diskutiert haben, war für uns ermutigend. Es wird in Wien in den nächsten Monaten drei oder vier weitere Präsentationen/Lesungen geben, auch noch in der einen oder anderen Schule wird es dazu Veranstaltungen geben.

Buchpräsentation in Wiesmath

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Living in the Negev desert, then and now

INVITATION TO SERVAS ISRAEL INTERNATIONAL MEETING
MAY 21-27, 2018

Download of REGISTRATION-form

Please read the important information at the end, after the program!






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Making Connections: Spain – Austria 2017

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