Haarlem. Das Original

* von Hedwig Seyr-Glatz *

Meine Schwester Lisl feiert ihren 65. Geburtstag und hat die gesamte Familie dazu eingeladen. Wir wollen uns dabei auch im Land erstmals umsehen.

Von Köln kommend treffen wir am 20 Juli gegen 19h in Haarlem ein, dem Original, in Holland. Wir haben einige Probleme in die Sackgasse, in der unsere Servasgastgeber wohnen, einzufädeln. Denn wir sind sträflicherweise mit dem Auto unterwegs, einem Verkehrsmittel, das wir hier in der Altstadt gar nicht brauchen können. Da regieren die RadlerInnen.

Addi und Hans (Servas, was sonst) erwarten uns bereits in ihrem schlanken Haus mit Blumenrand und äußerst praktischer Inneneinrichtung samt selbst eingebauter Terrasse und kleinem Garten. Über Nacht muss das Auto draußen bleiben, vor der Altstadt, auf einen Parkplatz, den Addi nur zufällig kennt, weil dort ihre Mutter in einem Altersheim lebt. Das Paar lebt nämlich autolos und das bestens; sie haben jedoch 6 Räder in einer Gemeinschaftsgarage geparkt, wie das hier so üblich ist. Die Häuser sind zu klein und die Straßen zu eng, um „Fietses“ dort zu parken.
Abends erzählen wir einander über unsere Familien und Reisen (ihre alle per Rad) und vor allem zeigt und erklärt uns Hans seine umfangreiche Sammlung von politischen Plakaten – seit den 60er Jahren sammelt er und morgen holt sie das Institut für Sozialgeschichte ab, denn diesem hat er sie nunmehr gestiftet. Mir bleibt der Mund offen angesichts dessen, was die Holländer schon vor 40 Jahren an erstens graphisch und zweitens politisch auf dem Hut hatten. Und warum komme ich da erst jetzt in dieses Land?!

Am nächsten Tag leihen uns Addi und Hans ihre bequemen Alltagsräder. Wir radeln zuerst gemütlich durch die Altstadt Haarlem, an Kanälen mit blumengeschmückten Hausbooten und mittelalterlichen Bürgerhäusern entlang, dann machen wir uns auf den ca 10km langen Weg durch die Dünen zum Meer nach Zandvoort. Himmel und Meer sind grau in grau, aber es bleibt trocken. Wir legen uns auf eine vergessene Strandliege und atmen tief die Atlantikluft ein und unseren Familien- und Reisestress aus.

Das Städtchen selbst zeigt uns zuerst seine etwas verlebte Strandseite im Stil der 60er Jahre mit vielen Burger- und Kebabbuden und einigen heruntergekommenen bratislavaliken Wohnbauten und Geschäftsvierteln, bis wir auf dem Rückweg das eigentliche Zentrum mit engen Gässchen und schmucken Häusern samt üppigem Blumenschmuck entdecken.

Der Radweg führt wieder durch Dünen und dann vorbei an Häusern mit den hier üblichen riesigen Fenstern ohne Vorhängen oder Jalousien hinter wohlgepflegten Vorgärten. Ein braver Puritaner hat nichts zu verstecken. Wieder in Haarlem finden wir ganz leicht das Frans Hals Museum in einem schlichten alten Gebäude; die Bilder enttäuschen mich ein wenig, vor allem die der alten strengen Männer, der Stadtwächter, die dort zu finden sind. Wieder über den alten Hauptplatz mit dem Katzenkopfpflaster und den vielen Radlfahrerinnen; keine Autos klarerweise. Hohe Lebensqualität an allen Ecken und Enden zu erkennen.

Abends gehen wir mit Addi und Hans zu Fuß durch das Quartier ins Restaurant „Angenehm“, wo wir genau so essen. Wir unterhalten uns, entdecken und besprechen unsere Gemeinsamkeiten, die politischen und die persönlichen. Holland gefällt uns nach dem Bier noch mehr, obwohl wir das Holländische nicht so gut verstehen, wie wirs vom bloßen Hören meinen.

Bei Servas in Haarlem...
Bei Servas in Haarlem …

Nach den rauschenden Geburtsfesten (ja: Plural der Feste und der Tage) bei meiner Schwester Liesl in Brummen, ein gutes Stück weiter östlich, machen wir uns auf den Heimweg, zu Servas-Leuten, eh klar. Am 26. 7. kommen wir in Engelhartszell, gleich hinter Passau herüben schon in Österreich, bei Eleonore, Esther und Josef an. Ein großes Haus an der Donau, in den 60er Jahren zu einer Pension ausgebaut, jetzt von Josefs Mutter und seinem Bruder dauerhaft, von unseren hosts in Ferien und an freien Tagen bewohnt, mit einem schönen Garten und viel Grund rundherum. Josef, eine Leuchte unter dem Schemel der etablierten Physik, mit Eleonore pädagogisch engagiert, zeigt uns sein Atelier, erklärt uns seine Geräte, soweit wir’s halt verstehen, und die selbstmontierte Solaranlage. So eine wollen wir auch. Esther kocht Marillenknödel, die mögen wir, dann wird erzählt, ein wenig debattiert und schließlich wird noch Jolly oder Römmi (oder so) gespielt (von Lorenz und den anderen, ich spiele nur Quartett und Schwarzer Peter. Ach, es war sehr schön und hat uns sehr gefreut.

... und in Engelhartzell
… und in Engelhartszell
Am 27. 7. fahren wir regelwidrig (1 statt 2 Nächte!) vormittags nach Wien zurück. Eleonore, Esther, Josef und ich winken, Lorenz darf nicht, der fährt.

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